Lazy Sunday

Es ist Sonntag. Ruhetag. Das haben sich auch Erhan und Hernan gedacht, die gestern Nacht so lange aus waren, dass sie heute bis Mittags schlafen und mit einem Kater vor uns stehen. Wir beschließen daher, aus dem angebrochenen Tag einen lazy Sunday zu machen, chillen am Pool und essen ungesundes, frittiertes Zeug mit Salsa Rosa und trinken Refajo, einen sehr leckeren Radler-Verschnitt. Die Sonne brennt vom Himmel und ich gehe immer wieder in den Pool ein paar Runden schwimmen. Als ich mich am Nachmittag fahrfertig mache merke ich, dass ich an einigen Stellen leicht rot bin, obwohl ich mich mehrmals eingecremt hatte und fast nur im Schatten lag. Da merkt man halt doch die Nähe zum Äquator.

Wir nehmen den direkten Weg also die Autobahn bis Cali und wir schaffen die 160 km in zwei Stunden. An den zahlreichen Mautstationen dürfen Zweiräder übrigens rechts vorbei fahren.

In Cali checken wir im Hotel Ibis ein, da es nur einen Block entfernt vom KTM Händler liegt. Cali ist die Hauptstadt des Salsa, nur leider haben Sonntags alle Clubs in der Stadt geschlossen. Wir gehen daher zum Mexilaner, ins Cantina La 15. Das Essen ist unglaublich gut und es tritt sogar eine Mariachi Gruppe auf. Das Lokal ist voll besetzt und viele Gäste singen die Lieder laut mit, die die Mariachi performen.

Zurück im Hotel trinken wir noch einen Abschieds-Rotwein mit Hernan. Er wird morgen leider zurück nach Medellin fliegen, da er Dienstag einen geschäftlichen Termin hat. Das einzig Gute daran: Anita kann endlich selbst fahren und sie freut sich schon sehr darauf!

Auf Regen folgt Sonnenschein

Der Rotwein hat seine Wirkung nicht verfehlt – ich wache auf und fühle mich matschig. Das Wetter fühlt mit mir, es ist kalt, grau und regnerisch. Ich ziehe alles an, was unter die Jacke passt, Merinoshirt, Ortema Weste, Fleecejacke und Windbreaker. Anita und Sergio haben ganz spezielle Regenklamotte in blau und pink. Sie ist aus recycletem Plastik hergestellt und sieht auf jeden Fall schön bunt aus. Glücklicherweise ist die Fahrt bergab total easy, obwohl der Track nass und rutschig ist. Ich erinner mich immer wieder selbst daran, nicht zu verkrampfen und den Lenker locker zu lassen – dann läuft es quasi wie von selbst. Nach einer guten Stunde erreichen wir eine Hauptstraße. Hier verlässt uns Hernan, da er auf direktem Weg nach La Union, unser nächstes Ziel, fahren möchte. Er hat genug vom Offroad fahren mit der 700 GS. Nur noch, zu viert gehts für uns weiter, zuerst eine wunderschöne und leichte offroad Bergstrecke mit vielen Kurven. Eine Stunde später erreichen wir wieder Asphalt und halten an einem Lokal zum Essen. Anita bestellt sich tatsächlich Kuh-Zunge. Sie meint sie liebt Zunge, aber nur wenn sie weich und saftig ist. Für einen kurzen Moment vergeht mir der Appetit, dann bestelle ich doch Spaghetti Napoli. Um mal was anderes zu essen. War natürlich ein Fehler, auf den Spaghetti liegen Putenstreifen, die Nudeln selbst sind weichgekocht und in der Soße ist nicht ein einziges My Tomate. Trotzdem werde ich satt.

Anita hatte uns morgens eigentlich über 30°C versprochen, davon ist aber noch nichts zu spüren. Es hat keine 20°C und regnet immer wieder. Das sei total untypisch für die Gegend meint sie. Kurz vor La Union halten wir nochmal an einem Getränkestand an. In diesem Gebiet hier werden vor allem Trauben angebaut und zu Saft, Wein, Essig, Likör verarbeitet. Wir trinken ein Glas frischen Traubensaft und wollen weiterfahren, als Sergio ein Fleck untef meiner Kathl auffällt. Kühlflüssigkeit tropft durch den Kühler. Oh oh. Die Motortemperatur ist ok und der Fleck ist auch nicht groß. Trotzdem möchte er sich das später im Hotel ansehen. Mittlerweile scheint endlich wie versprochen die Sonne und es ist angenehm warm. 20 Minuten später erreichen wir unser Hotel Villa Juliana. Es ist eine Ferienanlage mit Bungalows und Pool und kostet genauso viel wie das Hostal in den Bergen gestern Nacht, nämlich 45.000 Pesos also 12€/Person. Nachdem wir eingecheckt haben, sieht sich Sergio die Kathl an und meint, dass wir besser zum Händler nach Cali fahren. Er hat einen Termin für Montag 8 Uhr ausgemacht. Hernan und Erhan gehen nach dem Abendessen noch in die Stadt, ich bleibe im Zimmer und schreibe, während über den Fernseher alte MTV Chart Hit Videos im Wechsel mit spanischer Musik laufen.

Auf 4.000 m

Nachdem die Bikes beladen sind, frühstücken wir im „Tres Cuarto“ um die Ecke. Die Bedienung ist nicht die freundlichste, alle unsere Fragen beantwortet sie mit einem knappen „No“. Es gibt keinen O-Saft, keinen Tee, keine Marmelade. Ihr „con mucho gusto“ als wir die Rechnung bezahlen, kaufe ich ihr nicht ab. Die Laune lass ich mir aber nicht verderben, denn heute steht eine Passüberquerung auf 4.000m an. Es geht zum „Nevado de Santa Isabel“.

Zuerst fahren wir 80 km auf Asphalt die wunderschönsten Bergstrecken, eine Kurve jagt die nächste. Ich glaube, in Kolumbien kann man gar nicht länger als 10 m geradeaus fahren. Es ist herrlich.

Dann biegen wir in eine unbefestigte Straße, die schmaler und steiniger wird, je höher wir kommen. Auch heute haben wir uns für den langen Weg entschieden aber wenigstens komme ich diesmal nicht so ins Schwitzen da hier so langsam die Temperaturen fallen. Auf 3.000m hat es trotzdem noch 15°C und die Vegetation ist immer noch schön grün, auch dank der Vulkan-Erde. Daher auch das riesigen Kartoffelfeld, an dem wir kurze Zeit später vorbei fahren.

Wir halten an einem Hotel, das bei Wanderern und Mountainbikern sehr beliebt ist. Die Betreiberin bringt uns Te de Coca zum Aufwärmen, dann machen wir uns wieder auf den Weg. Nach gut 20 Minuten durchfahren wir eine Schranke und erreichen kurz darauf die 4.000 m. Hier treffen wir auf einen Aufseher, der uns erklärt, dass wir nicht weiter nach oben dürfen, da der Vulkan Santa Isabel leicht aktiv ist. Schade, also werden wir heute keinen Schnee mehr sehen. Nach einem kurzen Plausch machen wir uns wieder auf den Weg.

Um 16 Uhr erreichen wir unsere Unterkunft, das Hostal „La Laguna“, das mitten in den Bergen auf 2.360m liegt. Das Hostal besteht aus einem U-förmigen Haupthaus, mit einer umlaufenden, roten Holz-Veranda zum Innenhof hin. Alle Zimmer haben den Eingang zur Veranda. Außerdem gibt es noch sogenannte Cabaña für bis zu 6 Personen, das sind kleine schnucklige Holzhütten, die etwas entfernt vom Haupthaus stehen. Wir entscheiden uns für die Zimmer, da sie nur 10.000 Pesos (2,60€) pro Person mehr kosten. Natürlich gibt es auch hier wieder jede Menge Tiere. Pferde, einen schneeweißen Esel, Hühner, schwarzweiß getupfte Enten sowie Hunde und Katzen in allen Größen und Farben. Der größte Hund, eine Dogge begrüßt uns freudig und steckt ihre Schnauze samt Maulkorb erstmal zwischen meine Beine. Ich erstarre, traue mich nicht zu bewegen. Bei Erhan macht sie das gleiche. Da sind mir die Miezekatzen deutlich lieber.

Wir sollen gleich Essen bestellen, meint die eine Dame und verscheucht die Dogge. Es werden 50 Kinder erwartet und sie hätte uns gern vorher versorgt. Ich bekomme einen vegetarischen Teller mit Gemüsepflänzchen aus Zucchini und Aubergine, die anderen essen Steak.

Danach beziehen wir unsere Zimmer und da es weder Wifi noch Handyempfang gibt, setze ich mich auf die Veranda und schreibe weiter am Blog. Erhan ist leicht höhenkrank und hat sich hingelegt. Sergio fliegt mit der Drohne und zeigt mir einen Wasserfall in der Nähe. Anita und ich wollen ihn uns ansehen und wir laufen mit Sergio los, querfeldein über die Wiesen, vorbei an grasenden Pferden bis wir an einen Hang gelangen, von dem man aus den mächtigen Wasserfall sehen kann. Laut und wild spuckt der Berg das Wasser 80m in die Tiefe. Die Natur ist immer wieder berindruckend.

Es dämmert und wir gehen zurück zum Hostal. Ich hab immer noch meine Motorradkleidung an, es ist kalt und ich hab gerade keine Lust mich zu duschen und umzuziehen.

Ich setze mich wieder auf der Veranda als die Jeeps mit den Kindern ankommen. Es sind 52 Jungs und Mädchen von der Küste, aus dem Gebiet, wo die Chiquita Bananen angebaut werden. Die Kids nehmen an einem Programm teil, das ihnen die Kultur des gesamten Kolumbiens vermitteln soll. Damit sie in ihrem Leben mehr sehen, als ihr Zuhause. Wie Erhan vertragen einige Jungs die Höhe nicht (scheint wohl so ein Männer-Ding zu sein) und jammern ein bisschen, aber als das Essen serviert wird, wird es laut und hektisch. Ein Junge sucht den Kontakt zu uns, er heißt Juan Carlos und er erklärt, dass er ein Nachkomme der echten Ureinwohner ist. Sergio zeigt ihm auf einer Landkarte auf dem Handy, wo ich herkomme und Juan Carlos ist sichtlich beeindruckt. Zum Abschied singen die Kinder ein Dankeslied an die Küche, Juan Carlos kommt zu uns und verabschiedet sich persönlich. Ich gebe ihm einen Aufkleber von mir mit und er freut sich sehr darüber.

Ich widme mich wieder meinem Blog und der Flasche Rotwein, die ich für uns bestellt hatte. Auf einmal fängt es an, heftig zu regnen. Eben hatte Sergio noch davon gesprochen, dass der sonst sehr anspruchsvolle Track heute echt easy war, weil es trocken war. Ich schlage die Hände über dem Kopf zusammen: Und was ist Morgen? Nasse, rutschige Steine in Kombination mit dem TKC 80 lassen mich schaudern und ich bestelle schnell die zweite Flasche Wein, die mit 16€ übrigens teurer ist, als die Übernachtung. Ich war schon immer ein großer Fan der Verdrängungs-Taktik.

Tour:
160km von Salamina nach Villamaria über den Nevada Santa Isabel
Hostal La Laguna (45.000 Pesos/Person)

Fango für alle!

Um 8 Uhr beladen wir die Bikes, dann gehen wir in eine Bar nebenan und frühstücken. Rührei mit Arepa und Käse, ich bestelle mir dazu einen frischen Mango-Saft. Unser heutiges Ziel ist das 110 km entfernte Salamina. Zwei Drittel der Etappe wird offroad sein.

Sobald wir aus Sonson raus sind, geht es auf unbefestigter Straße immer weiter den Berg hinauf. Die Landschaft wird grüner, der Wald dichter und man sieht vereinzelt die landestypischen, bunten Fincas. Es hat 25°C, die Sonne scheint und ich komme ziemlich ins Schwitzen.

Die Straße – wenn das unter meinen Reifen so nennen kann – ist von Schlaglöchern übersäht. Immer wieder liegen größere Steine auf der Fahrbahn. Oder es kreuzen wahlweise Rinder, Ziegen oder Hühner unseren Weg. Mitten im Nirgendwo halten wir an einer Finca an. Ein Junge, ca. 10 Jahre alt, verkauft uns Wasser aus seinem kleinen Shop bei der Finca. Um die Finca herum wächst überall das hohe Zuckerrohr und Sergio zeigt uns, wie man das Zuckerrohr mit einer Machete zuerst bearbeitet um es dann zu essen. Schmeckt süß (logischerweise) und ist faserig, die harten Fasern spucke ich wieder aus. Während wir so im Schatten sitzen, am Zuckerrohr kauen und Wasser trinken, bringt uns der Junge seinen Papagei. Und der kann wirklich sprechen. Und lachen. Es ist tatsächlich das erste Mal, dass ich einen Papagei live reden höre und bin ganz hin und weg – auch wenn ich bis auf ROBERTO kein einziges Wort verstehe.

Bevor wir fahren, wechsle ich mein Shirt – von Langarm zu Kurzam. Mit der Ortema Weste und der Jacke ist es ganz schön warm geworden. Und die Luftfeuchtigkeit ist realtiv hoch. Es geht ein paar Kilometer auf Schotter weiter, bis wir nach Mermitta kommen. Dort fragen wir nach dem Weg, da es zwei Routen Richtung Salamina gibt. Beide sind gleichermaßen anspruchsvoll, der rechte Weg dauert allerdings nochmal eine Stunde länger. Und es gibt noch einen weiteren Knackpunkt: Heute kam noch kein Fahrzeug diesen Weg hoch, meint der Mann. Es könnte also sein, dass eine Lawine oder irgendetwas anderes die Fahrbahn versperrt. Wir gehen das Risiko ein und fahren rechts entlang, schließlich ist das hier kein Kindergeburtstag.

Die kurvige Bergstrecke führt durch dichten grünen Wald, der Boden ist schön fest und trocken. Leider wird er nach einiger Zeit immer feuchter und rutschiger. Ich muss ein bisschen Geschwindigkeit rausnehmen und mich mehr konzentrieren. Bloß nicht stürzen, denke ich mir, das wäre mir unangenehm.

Zum Glück bricht kurz darauf Sergio das Eis und fällt mit Anita als erster. Der Untergrund ist richtig heimtückisch, man sieht nicht wie schlammig und vor allem tief es ist. Sergio und Anita liegen mit dem Motorrad quer zur Fahrbahn – passiert ist nichts, Anita hält sogar noch ihr Handy in der rechten Hand.

Sergio bekommt als Instruktor 100 Empathiepunkte von mir, jetzt bin nicht ich die erste, die gestürzt ist. Aber es dauert auch nicht lange, bis es mich erwischt. Der Schlamm ist wirklich mies und ich schaffe es gut 20 Minuten, die KTM durch den dicken Batz zu manövrieren, bevor ich in Zeitlupe nach rechts kippe und auch noch Hernan erwische, der neben mir fährt. Ich lande mit beiden Knien und Händen im Dreck. Auch meine Kathl und das Gepäck hat es erwischt, wir haben beide eine ordentliche Fango-Packung abbekommen.

Meine Reifen haben quasi kein Profil mehr, der Schlamm klebt zwischen den Stollen. Aber es hilft nichts, noch sind es 70 km bis Salamina, 40km davon sind offroad.

Eine halbe Stunde kämpfe ich mich weiter durch die Schlammhölle, bevor ich ein zweites Mal falle. Ich hab keine Kraft mehr, ziehe Helm und Jacke aus und japse wie eine alte kolumbianische Kuh. Mein Kopf ist tomatenrot: „Care roja“ sagen sie zu mir und lachen. Ich lache gequält mit. Bereits am zweiten Offroad-Tag geht mir die Kraft aus. Wir machen eine halbe Stunde Pause, ich esse Banane und trinke das lauwarme Wasser aus meinem Camelbak.

Eine weitere halbe Stunde geht es schlammig weiter, bevor wir endlich wieder festen Boden unter den Reifen haben. Was für eine Erleichterung. Im nächsten Ort tanken wir „Corriente“ für umgerechnet 2,50 €/ Gallone bevor wir die restlichen Kilometer auf Asphalt bis Salamina in Angriff nehmen. Dort checken wir im Hotel Bonsai ein. Die Jungs waschen ihre Kleidung sauber, ich bleibe so wie ich bin. Den Dreck trage ich mit Stolz.

Nach dem Abendessen spazieren wir durch den Ort und sehen uns das Feuerwerk an. Männer um die 70 schießen selbsgebastelte Raketen und – ja wirklich – Rohrbomben in die Luft. Sie halten die langen Raketen in den Händen, zünden sie an und ab gehts. Die Feuerwehr sichert das Spektakel im Umkreis von 1m ab. Sicher ist sicher!